Mölln 1992

Mölln ’92: Kein Vergeben, kein Vergessen

Heute vor 28 Jahren, in der Nacht zum 23. November 1992, wurde Mölln zum Schauplatz eines der schrecklichsten fremdenfeindlichen Anschläge nach 1945. Gegen Mitternacht machten sich die beiden Neonazis, in den Medien bekannt als Michael P. und Lars C., mit einer Bierkiste gefüllt mit Molotow Cocktails auf und fuhren in die Ratzeburger Straße 13. Sie warfen vier Brandsätze in das von türkischen Familien bewohnte Haus. Zahlreiche Bewohner*innen verletzten sich schwer – entkamen den Flammen aber lebend. Daraufhin riefen die Täter bei der Feuerwehr an: »In der Ratzeburger Straße brennt es. Heil Hitler!«

Von ihrem grässlichen Rassismus getrieben, fuhren die Neonazis weiter in die Mühlenstraße 9. Sie gossen Benzin in den Flur und warfen wieder Molotow Cocktails in das Gebäude. Blitzschnell stand das Treppenhaus in Flammen und versperrte der schlafenden Familie Arslan somit den einzigen Fluchtweg: Hava sprang mit ihrem acht Monate alten Sohn Namik aus dem zweiten Stock, ebenso wie Ayten mit ihrem sechsjährigen Sohn Emra. Die Großmutter Bahide versuchte, die anderen Kinder zu retten: Ibrahim wickelte sie in nasse Handtücher und trug ihn in die Küche – er überlebte. Die beiden anderen Kinder, die zehnjährige Yeliz und die 14-jährige Ayse Yilmaz, starben – ebenso wie Bahide selbst. Kurz nach diesem Anschlag ging bei der Feuerwehr wieder ein Anruf ein: »In der Mühlenstraße brennt es. Heil Hitler!«

Es fehlen die Worte, um eine von so unfassbarer Unmenschlichkeit getriebene Tat ausreichend zu beschreiben. Doch so beispiellos sie in ihrer Grausamkeit zu sein scheinen, die Anschläge kamen nicht von irgendwoher. Vielmehr war es vorerst der schreckliche Höhepunkt einer Reihe fremdenfeindlichen Terrors: Sowohl in Hoyerswerda als auch in Rostock-Lichtenhagen kam es zwar zu keinen Todesopfern bei Attacken auf Ausländer, sie gingen aber den Ereignissen in Mölln voraus.

Diese Kausalkette zeigt in aller Deutlichkeit, wohin eine Gesellschaft driftet, in der sich Fremdenhass entfalten kann und Antifaschismus im gesellschaftlichen Diskurs verpöhnt ist. “Kein Fußbreit” ist dabei nicht bloß eine leere Phrase, es ist die einzig logische Konsequenz aus den Erkenntnissen, die uns die Geschichte lehrt: Rassismus tötet.

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